Dark Tourism in Wien

Wo selbst Wiener Gänsehaut bekommen: alternative Sehenswürdigkeiten und abwegige Touren durch die Stadt. Ein multimediales Dossier macht Lust auf düstere Entdeckungen und einen neuen Blick auf Wien.

"Es war das Grausigste, das ich je erlebt habe." Teresa über das Foltermuseum

Beinschrauben im dämmrigen Licht. Puppen präsentiert mit Flüstern und Knarren. Ein Museumsführer mit langem, schwarzen Mantel. Das Wiener Foltermuseum ist nichts für schwache Nerven und schon gar keine Attraktion, die Teresa freiwillig im Urlaub besuchen würde. Ganz anders sieht das Katharina: „Die Einblicke in die mittelalterliche Rechtsgeschichte und all diese Folterinstrumente – das ist interessant und lehrreich. Fürchten muss sich hier niemand.

Komm ins  Wiener Foltermuseum


Geschmäcker sind verschieden. Das Gruseln auch.

Für den einen wirkt die Umgebung des Luftschutzbunkers beengend, bei dem anderen verursacht das Rabenkrächzen vom Band Gänsehaut und wieder andere können einfach nicht aufhören zu kichern. Jedes Verhalten hat seine Berechtigung. Schließlich ist Angst ein individuelles Gefühl. Was dabei in einem Menschen passiert und wie am besten mit einer eigenen Furcht umgegangen werden kann, erklärt die Klinische und Gesundheitspyschologin Christina Beran im Video.

Interview mit der Psychologin Christina Beran.

Und so erkunden Einheimische und Touristen immer öfter die Abgründe und nicht so schönen Plätze einer Stadt – ein Phänomen, das häufig unter dem Begriff dark tourism zusammengefasst wird. Sensationslust und Voyeurismus sind nichts Neues. Schon im Mittelalter pilgerten die Menschen neugierig zu Hinrichtungen oder Schlachtfeldern. Als authentische Alternative zu Schönwetter-Sightseeing ist dark tourism heute auch eine Art Auseinandersetzung mit der Geschichte, dunkle Aspekte inklusive. Die leichte Gänsehaut, die sich etwa bei einem Besuch im Narrenturm, einer der ersten psychiatrischen Heilanstalten Europas, einstellt, wird dabei gern in Kauf genommen.

Lies über den Narrenturm

Mehr über „dark tourism“

Das gilt auch für Stätten des Holocaust, der nationalsozialistischen Vergangenheit und des Zweiten Weltkriegs. Diese sind inzwischen längst zu touristischen Zielen geworden. Dr. Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich angesehen, wie dort Geschichte erzählt wird.

Präsentation ist alles. Auch am Friedhof.

Die Inszenierung beginnt bei der Gestaltung der Grabsteine, geht über den Umgang mit dem Tod und endet bei einer Erlebniswanderung zwischen den Bäumen des Erinnerns. Der mehrfach ausgezeichnete Kulturanthropologe und Funeralexperte Wittigo Keller erklärt im Dark.Wien-Podcast, warum die Wiener so viel Wert auf „a schene Leich“ legen und welche Geschichten auf die Besucher am Zentralfriedhof warten.

Hier geht es zu allen Podcast-Folgen

Rund um Wiens Friedhöfe – finde weitere  Fakten und interaktive Karten

Vor den Toten braucht man keine Angst mehr haben! Wiener Weisheit

Die Wiener gehen gern auf den Friedhof, es ist ruhig, grün und sauber. Manche Friedhöfe zeichnen sich durch eine schöne Aussicht aus, andere durch prominente Gräber, wieder andere durch eine besondere Atmosphäre. Der aufgelassene Friedhof St. Marx ist der wohl schönste Friedhof der Stadt. Warum wir so gern an Grabstätten entlang spazieren, wenn uns das doch nur an die eigene Sterblichkeit erinnert? Nun, wir können wieder gehen, den Friedhof wieder verlassen. Und wenn ein Mensch eine Angstsituation unbeschadet übersteht, werden im Gehirn Endorphine ausgeschüttet. Wer hinschaut statt wegschaut, erlebt einen kleinen Kick – zumindest solange er selbst in Sicherheit ist.

Erkunde den Friedhof St. Marx

Friedhof St. Marx
Biedermeier-Friedhof St. Marx

Morbides und Morde.

Die mörderischen Seiten Wiens lernt man im Kriminalmuseum im alten Seifensiederhaus kennen. In 20 Räumen werden ausführlich Mordfälle und Serienmörder der Stadt präsentiert.

Besuche das Kriminalmuseum

Kriminalmuseum
Wiener Kriminalmuseum

Mitunter trifft man im Kriminalmuseum Gestalten, die einem auch bei einer schaurigen Führung durch die Stadt, begegnen können.

Es spukt in Secret Vienna

Diese Touren sind bei Einheimischen wie Touristen sehr beliebt. Während die einen begeistert Spukgeschichten lauschen und Geister jagen, beschäftigen sich andere mit aktuellen Abgründen:  Bei einer Ugly-Vienna-Tour sieht man die wirklich hässlichen Seiten der Stadt. Dabei geht es nicht um Mord, Tod und Geister, sondern um die architektonische Sünden der Stadt, die durchaus auch Plätze des Grauens sein können.

Begleite eine Ugly Vienna Tour


Sind wir nicht alle ein wenig dark?

Zurück zur Geschichte. Friederike Kraus ist staatlich geprüfte Fremdenführerin in Wien und bringt Interessierten zum Beispiel die Geschehnisse von 1918 bis 1938 bei Rundgängen näher. „Das hat mit dem Geschönten und Glatten der Stadt nichts zu tun“, sagt Kraus. Die Teilnehmer, meist Österreicherinnen und Österreicher, bringen historisches Wissen mit und zeigen sich interessiert an alternativen Themen. Anhand von Denkmälern arbeitet Kraus die Vergangenheit auf und lüftet so manches Geheimnis. Etwa, dass im Grab des unbekannten Soldaten am Heldenplatz tatsächlich eine Nazihuldigung entdeckt wurde. Mit solch dunklen Aufhängern wird eine historische Führung plötzlich spannend und spricht auch jüngeres Publikum an. Schließlich darf man nicht vergessen, dass es in Wien an die 700 Fremdenführerinnen und Fremdenführer gibt, die alle Geld verdienen wollen.

Ob das „dark tourismus“ ist? Vielleicht. Aber was ist dann das Gegenteil davon? Cosy Tourismus? Es kommt wohl darauf an, wie sich eine Stadt präsentieren will. Sisi und Schönbrunn passen besser zum positiven Image, obwohl die besondere Beziehung der Wiener zum Tod nicht von der Hand zu weisen ist. Dementsprechend hoch ist wohl auch die Dichte an dunklen Sightseeing-Möglichkeiten.

Für mich ist weder ein Friedhof dunkel, noch eine Vampirführung. Friederike Kraus

Letzteres sei einfach ein Gag. Viel spannender sind für Kraus  „lost places“, also verlassene oder vergessene Orte, weil diese noch unberührt sind. Die Michaelergruft war vor einigen Jahren noch so ein Geheimtipp. Doch dann kamen die Touristen und das Klima für die Mumien war dahin. Der Ort verlor an Authentizität und Atmosphäre. Die Kommerzialisierung war kontraproduktiv. Der Grat zwischen Erinnern und Vergessen ist schmal. Nicht jeder hält die Balance.